Tages Anzeiger, 12.03.2019

In der Dominikanischen Republik gibt es Walflüsterinnen. Die Kanadierin Kim Beddall weiss alles über die karibische Kinderstube der Buckelwale.

«Auf neun Uhr!» Kim Beddall nimmt mit der Stoppuhr die Zeit und weist mit ausgestrecktem Arm aufs Meer. «Da war ein Blas, eine Fontäne, genau auf neun Uhr.» Neun Uhr bedeutet backbord querab – oder einfach: links. «Ihr müsst euch das Schiff als Uhr vorstellen», hat die 62-jährige Kanadierin ihren Passagieren erklärt, als ihr Whalewatching-Boot Pura Mia eine Stunde zuvor aus dem Hafen von Santa Barbara lief. «Der Bug ist auf zwölf, das Heck auf sechs Uhr – so wisst ihr, wo die Wale zu sehen sind.» Der dort draussen müsste auf neun Uhr nach fünf bis sieben Minuten wieder auftauchen, so lange währt die durchschnittliche Verschnaufpause eines Buckelwals.

Die Provinz Samaná im Osten der Dominikanischen Republik liegt auf einer Halbinsel, die eine grosse Bucht umschliesst. Die Samaná Bay ist seit je eine bei Buckelwalen beliebte Kinderstube und dank Beddalls Engagement das drittgrösste Walschutz-Gebiet im Nordatlantik.

Captain Mariano King drosselt den Motor. Zu seiner Rechten hat sich Svenja Kluge im Schneidersitz eingerichtet. Eine Hand schirmt ihre Augen ab, die andere hält die Kamera mit dem grossen Teleobjektiv. Die 26-jährige Grafikdesignerin aus Denzlingen, einem Dorf am Rande des Schwarzwalds, arbeitet in einem Münchner Atelier für die Touristikbranche.

Jetzt gehört sie zu Kims Team und trägt stolz das gleiche blaue Poloshirt wie die Chefin, darauf sind die Konturen eines Buckelwals aufgedruckt mit dem Label der Firma: «Whale Samaná». «Whalewhisperer» hätte auch gut gepasst – für beide Frauen. (…)


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